Für eine optimale Tracheostomaversorgung: Die Bedeutung von Sprechventilen

Für Menschen mit einer Tracheotomie kann das Sprechen eine Herausforderung sein und sich dabei auch auf die Kommunikation mit anderen sowie auf die Lebensqualität auswirken. In diesem Interview wird die Funktionsweise von Sprechventilen näher betrachtet und die zahlreichen Vorteile, die weit über das reine Sprechen hinausgehen sowie die praktische Anwendung in der Versorgung von tracheotomierten Patienten dargestellt. Im Gespräch mit der Logopädin Nicole Albertsson erfahren Sie, wie Sprechventile das Leben von Menschen mit einem Tracheostoma positiv beeinflussen können.

Nicole Albertsson ist Logopädin in den USA und blickt auf sieben Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Krankenhäusern, unter anderem in Oregon, Hawaii, Utah und North Carolina zurück. Sie hat sich auf Dysphagie sowie Kopf-Hals-Tumore spezialisiert und arbeitet gerne mit dieser Patientengruppe. Dabei schätzt Nicole Albertsson die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der medizinischen Sprech-, Sprach- und Stimmtherapie. Sie lebt derzeit in Schweden und arbeitet als Beraterin für Atos Medical.
Können Sie beschreiben, was ein Sprechventil ist?
Ein Sprechventil ist ein Hilfsmittel, das auf eine Trachealkanüle aufgesetzt werden kann. Es öffnet sich, um bei der Einatmung den Luftstrom durch die Trachealkanüle zu ermöglichen, und schließt sich bei der Ausatmung, um den Luftstrom durch die Trachealkanüle zu verhindern. Dadurch können tracheotomierte Patienten verbal kommunizieren, und das Ventil bietet neben der möglichen Stimmgebung noch viele weitere Vorteile.¹–⁴

Normalerweise atmen wir durch Nase und Mund ein, und die Luft gelangt durch den Kehlkopf in die Lunge. Beim Ausatmen strömt die Luft wieder durch den Kehlkopf, einschließlich der Stimmlippen, die beim Sprechen durch ihre Vibration Schall erzeugen, und anschließend durch Mund und Nase, die den Schall in Wörter formen. Eine Trachealkanüle umgeht die oberen Atemwege, sodass die Luft unterhalb der Stimmbänder ein- und ausströmt, was die Stimmgebung erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht. Bei der Verwendung eines Sprechventils kann eine Person weiterhin über die Trachealkanüle einatmen. Beim Ausatmen wird die Luft jedoch um die Trachealkanüle herum und durch die Stimmlippen, den Mund und die Nase geleitet, sodass der Patient eine Stimme erzeugen kann.
Es gibt verschiedene Arten von Sprechventilen, darunter sogenannte geschlossene Ventile und offene, die sich erst bei der Ausatmung schließen sowie Ventile mit Befeuchtungsfunktion. Darüber hinaus können einige Einwegventile in-line mit einem Beatmungsgerät eingesetzt werden, sodass eine Person auch während der Beatmung sprechen kann.
Wie werden Sprechventile in der Versorgung von tracheotomierten Patienten eingesetzt?
Sprechventile werden bei Patienten mit Tracheotomie eingesetzt, wenn der behandelnde Kliniker nach einer Beurteilung den Patienten als geeigneten Kandidaten eingestuft hat. Sie können verwendet werden, um das Sekretmanagement, die Hustenfunktion, die Schluckfunktion und die Stimmgebung zu verbessern.¹˒³ Häufig werden diese Ventile als Schritt im Prozess des Weanings vom Beatmungsgerät und zur Vorbereitung auf die Dekanülierung eingesetzt.⁴
Welche Kriterien muss ein Patient erfüllen, um für ein Sprechventil infrage zu kommen?
Ein Patient muss die Entblockung des Cuffs bei stabiler Sauerstoffsättigung und stabiler Atemfrequenz tolerieren können. Außerdem darf keine Obstruktion der oberen Atemwege vorliegen, die das Ausatmen durch Mund und Nase verhindert. Ist eine Obstruktion der oberen Atemwege vorhanden, ermöglicht ein Sprechventil zwar die Einatmung über die Trachealkanüle, der Patient kann jedoch nicht vollständig ausatmen, wodurch Luft unterhalb der Obstruktion eingeschlossen wird und sich aufstaut; dies wird als Air-Trapping bezeichnet.
Ein Patient muss das Einweg-Sprechventil außerdem über einen gewissen Zeitraum bei stabiler Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Herzfrequenz tolerieren können. Kandidaten benötigen feinmotorische und kognitive Fähigkeiten, um das Sprechventil selbstständig entfernen und wieder anbringen zu können. Ist dies nicht möglich, muss die Anwendung während der Nutzung des Ventils unter ständiger Aufsicht durch geschultes Fachpersonal erfolgen.
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Jetzt Anmelden für die „Atos Learning News“Gibt es spezifische Kontraindikationen oder Risiken im Zusammenhang mit Sprechventilen?
Wie oben erwähnt, ist das größte mit Sprechventilen verbundene Risiko das Air-Trapping, das durch eine Obstruktion der oberen Atemwege verursacht werden kann (einschließlich einer zu großen Trachealkanüle, Schwellung, Raumforderungen, Stimmlippenlähmung usw.) oder durch einen unzureichenden respiratorischen Zustand und der Unfähigkeit, ausreichend über die Trachealkanüle und die oberen Atemwege auszuatmen. Dies kann zu einem unerwünschten respiratorischen Ereignis oder potenziell lebensbedrohlichen Folgen für den Patienten führen. Um dies zu vermeiden, sollte unbedingt eine sorgfältige Atemwegsbeurteilung durch eine Fachkraft erfolgen.
Welche häufigen Herausforderungen haben Patienten bei der Gewöhnung an ein Sprechventil, und wie können diese bewältigt werden?
Es gibt viele unterschiedliche Herausforderungen, denen Patienten bei der Gewöhnung an ein Sprechventil begegnen können. Anfangs sind Patienten oft nicht an den Luftstrom durch die oberen Atemwege gewöhnt, insbesondere wenn sie über längere Zeit intubiert und beatmet wurden oder die Trachealkanüle schon länger tragen. Dies kann zu Reizungen, Husten, Unbehagen und Ermüdung führen, wenn der eigentlich physiologische Luftstrom wiederhergestellt wird. Häufig bessert sich dieser Zustand relativ schnell, sobald sich der Patient wieder an den Luftstrom gewöhnt hat; bei Bedarf kann die Nutzungsdauer des Ventils schrittweise gesteigert werden. Ich habe erlebt, dass Patienten bei fortgesetzter Nutzung von Sprechventilen von einer wahrgenommenen Verbesserung ihrer Atmung berichten, weil der natürliche Luftstrom wiederhergestellt wird.
Zudem können Patienten anfangs Schwierigkeiten haben, das Ventil anzubringen und zu entfernen, da es ungewohnt ist und die Tracheotomie häufig noch neu ist. Dieser Umstand kann durch Übung, Schulung oder z.B. die Verwendung eines Spiegels verbessert werden.
Welche Vorteile hat die Verwendung eines Sprechventils bei tracheotomierten Patienten?
Die Nutzung eines Sprechventils nach der Entblockung der Cuffs unterstützt die laryngeale Rehabilitation, indem beim Ausatmen der Luftstrom in die oberen Atemwege zurückgeleitet wird und ein gewisser zusätzlicher Widerstand entsteht.⁴ Dies hilft dabei, physiologischere pulmonale Druckverhältnisse, einschließlich PEEP, wiederherzustellen, den subglottischen Druck zu reaktivieren und den Glottisschluss sowie die Larynxstimulation zu unterstützen. Dadurch können Sekretmanagement, Husten, Schlucken, Geruchswahrnehmung und Stimmgebung verbessert werden.²,⁴
Wie beeinflusst die Verwendung eines Sprechventils die allgemeine Lebensqualität von tracheotomierten Patienten?
Aus meiner Erfahrung spielen Sprechventile eine bedeutende Rolle bei der Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität von tracheotomierten Patienten. Patienten mit einem Tracheostoma können, insbesondere im Krankenhaus, eine sehr herausfordernde Zeit erleben. In einer Situation mit begrenzter Kontrolle kann die Unfähigkeit, verbal zu kommunizieren, belastend sein und dieses Gefühl des Kontrollverlusts verstärken. Oft haben Patienten Schwierigkeiten, selbst grundlegende Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Manche können nicht schreiben und sind zur Kommunikation auf Tafeln oder Gesten angewiesen. Die eigene Stimme und Kommunikation sind zudem ein wesentlicher Teil der Persönlichkeit.
Die Wiederherstellung der Stimme ist für genesende Patienten ein wichtiger Schritt. Ich habe erlebt, dass die Fähigkeit, Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, die Lebensqualität eines Patienten erheblich verbessert und ihm ermöglicht, die bestmögliche Versorgung zu erhalten. Darüber hinaus habe ich häufig beobachtet, dass Verbesserungen der Schluckfunktion sowie beim Essen und Trinken die Lebensqualität deutlich steigern. Der schönste Teil meiner Arbeit ist, wenn ich einen Patienten habe, der sich zuvor nicht verbal verständigen konnte und das Sprechventil toleriert und nach längerer Zeit wieder sprechen kann.
Besonders schön ist es, wenn ein Angehöriger die Stimme eines lieben Menschen das erste Mal wieder hören können. Das motiviert die genesende Person auf eine besondere Weise und führt nicht selten zu Freudentränen.
[Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auf unserer Seite zu Sprechventilen. Alle Empfehlungen in diesem Schulungsmaterial dienen als allgemeine Orientierung für bewährte Vorgehensweisen und sind von qualifizierten Gesundheitsfachkräften unter Berücksichtigung des klinischen Urteils sowie der Verfügbarkeit von Gesundheitsressourcen umzusetzen. Die dargestellten Informationen sind nicht als medizinische Beratung für bestimmte Erkrankungen zu verstehen. Die individuellen Umstände und Präferenzen eines Patienten sollten stets berücksichtigt werden, und die klinische Praxis sollte im Einklang mit den Grundsätzen von Schutz, Teilhabe und Partnerschaft stehen.]
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REFERENZEN:
1. Schwegler H. Trachealknülenmanagement. 4th ed. Schulz-Kirchner Verlag. 2022.
2. Skoretz SA, Anger N, Wellman L, Takai O, Empey A. A systematic review of tracheostomy modifications and swallowing in adults. Dysphagia. 2020 Dec;35:935-47.
3. O’Connor LR, Morris NR, Paratz J. Physiological and clinical outcomes associated with use of one-way speaking valves on tracheostomised patients: A systematic review. Heart Lung. 2019 Jul;48(4):356-64.
4. Wallace S, McGowan S, Sutt AL. Benefits and options for voice restoration in mechanically ventilated intensive care unit patients with a tracheostomy. J Intensive Care Soc. 2023 Feb;24(1):104-111.