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Chor von Menschen mit Kehlkopfkrebs - Interview

„Shout at Cancer“ ein Chor von Menschen mit Kehlkopfkrebs - Interview mit Dr. Thomas Moors

Laryngektomie
4. Februar 2026

Wir haben uns mit Dr. Thomas Moors, dem Gründer und Chorleiter von „Shout at Cancer“ zusammengesetzt, um über die Geschichte hinter dem Chor und dessen Auswirkungen zu sprechen. „Shout at Cancer“ ist ein gemeinnütziges Projekt, das sich der Implementierung von Musik in der Stimmrehabilitation und dem Chorgesang nach einer Laryngektomie widmet.

Herzlichen Glückwunsch zu 10 Jahren „Shout at Cancer“! Wie fühlt es sich an, diesen Meilenstein zu erreichen?

Dass es uns bereits zehn Jahre gibt, fühlt sich surreal an. Als wir anfingen, hätte ich mir niemals die Wärme, das Lachen, den Mut, die Musik und die Gemeinschaft vorstellen können, die aus diesen frühen Treffen hervorgehen würden.

Dieser Meilenstein ist nicht nur ein organisatorischer Erfolg — es ist ein Jahrzehnt geteilter Atemzüge, geteilter Geschichten, geteilter Rückschläge und bemerkenswerter Durchbrüche. Es fühlt sich an, als würde man zehn Jahre Menschlichkeit in ihrer stärksten Form miterlebenund ich bin sehr dankbar, ein Teil davon zu sein.

Kannst du die Geschichte hinter der Gründung von „Shout at Cancer“ erzählen? Was hat dich inspiriert, diesen einzigartigen Chor zu gründen?

Schon als Kind, etwa im Alter von 9 Jahren, wurde die Musik meine Tür zur Welt. Die internationale Tournee öffnete mir die Augen für etwas Tiefgreifendes: Musik löst Barrieren. Sie verbindet Menschen, die weder eine gemeinsame Sprache noch einen gemeinsamen Hintergrund oder sogar dieselben Überzeugungen teilen. Ich habe gesehen, wie Rhythmus, Atem und geteilte Kreativität Vertrauen, Selbstbewusstsein und Gemeinschaft aufbauen können. Als ich später begann, mit Menschen zu arbeiten, die nach einer Laryngektomie ihre natürliche Stimme verloren hatten, hat es bei mir „klick gemacht“. Ich wusste aus meiner eigenen Liebe zur Musik, dass Stimme weit mehr ist als ein Kehlkopf. Es sind Emotionen, Intentionen, Rhythmus, Identität. Es ist die Art, wie wir auf andere zugehen — und wie wir uns gehört fühlen.

Der Chor entstand ganz natürlich aus den Workshops, die wir ursprünglich rund um Gesangs- und Atemtechniken zur Verbesserung der Stimmkontrolle und Tonhöhenumfangs starteten. Was mich am meisten überraschte, war nicht der Klang. Es war das Selbstbewusstsein, der Humor, die Freude und der Stolz, die im Prozess zutage getreten sind. Menschen, die oft abgewiesen oder missverstanden wurden, standen plötzlich aufrecht, erschufen Kunst und unterstützten sich gegenseitig auf eine Weise, die die Menschen grundlegend verändert hat. Da wurde mir klar: das ist nicht nur ein Projekt — es ist eine Bestimmung.

„Shout at Cancer“ wurde zu einem Raum, in dem Menschen ihre Stimme nicht nur im wörtlichen Sinn wiederaufbauen konnten: physisch, emotional, sozial. Ich habe auch gesehen, wie mächtig der Chor als Brücke zwischen Gemeinschaften, der Wissenschaft und der medizinischen Welt sein kann.

Durch Aufführungen, Erzählungen und gemeinsame kreative Arbeit hilft der Chor, das Bewusstsein für die tiefschichtigen psychosozialen Auswirkungen des Verlustes der eigenen Stimme zu schärfen — etwas, das im klinischen Setting oft übersehen wird.

Letztendlich habe ich „Shout at Cancer“ gegründet, weil ich glaube, dass Musik Menschen über Unterschiede hinweg vereinen, Motivation wecken und etwas zutiefst Menschliches wiederherstellen kann: die Fähigkeit, sich zu verbinden und verstanden zu werden. Und jede Probe, jede Aufführung, jeder neue Atemzug unserer Sänger beweist genau das!

Welche Rolle spielt Musik deiner Meinung nach in der Rehabilitation und im emotionalen Wohlbefinden nach einer Laryngektomie?

Ich denke, dass Musik auch die unsichtbaren Wunden und Narben der Operation heilt: das Gefühl für das eigene Ich. Physisch unterstützt sie das Atmen, das Tempo, die Artikulation und die Koordination — aber die emotionale Wirkung ist noch größer. Musik ermöglicht es Menschen, das auszudrücken, was sie nicht immer in Worte fassen können: Frustration, Hoffnung, Wut, Liebe, Humor, Trauer, Erleichterung. Gemeinsam zu singen, erinnert sie daran: „Ich gehöre immer noch dazu. Ich habe immer noch etwas zu sagen. Andere hören mir zu.” Für viele, denke ich, ist es ein Raum, in dem sie sich verstanden fühlen, ohne sich anderen Gruppenmitgliedern erklären zu müssen.

Wie hast du erlebt, dass sich Teilnehmer durch Gesang und Gemeinschaftsengagement verwandeln?

Die Transformationen sind tiefgreifend. Menschen kommen herein und fühlen sich klein — unsicher wegen ihrer neuen Stimme, besorgt darüber, wie die Welt reagieren wird. Nach und nach, oft anfänglich ganz leise, beginnen sie sich zu entfalten. Sie lachen mehr. Sie experimentieren mit Klängen. Sie initiieren Gespräche. Dann sagen sie eines Tages etwas wie: „Ich habe vor meinen Enkeln gesungen” oder „Ich hatte keine Angst, im Laden zu sprechen” oder „Ich fühle mich wieder wie ich selbst.” Die Veränderung ist nicht nur vokal; sie ist sozial, emotional und zutiefst menschlich. Sie erlangen ihr Selbstbewusstsein zurück und inspirieren alle um sie herum.

Was denkst du ist der am meisten missverstandene Aspekt des Lebens nach einer Laryngektomie?

Ich denke, dass einer der am meisten missverstandenen Aspekte des Lebens nach einer Laryngektomie die Annahme ist, dass alles kleiner wird. Die Menschen stellen sich oft vor, dass der Verlust der Stimme den Verlust von Ausdruck oder Verbindung bedeutet, obwohl sich die Patienten in außergewöhnlicher Weise an ihr neues Leben anpassen. Die eigentliche Herausforderung ist der Wandel der Denkweise — Isolation kann leicht eintreten, wenn die Welt einen weiterhin missversteht. Deshalb sind der Chor, Laryngektomie-Buddys und Selbsthilfegruppen so wichtig: Sie bauen Selbstbewusstsein, Identität und ein Gefühl der Zugehörigkeit wieder auf.

Was viele unserer Mitglieder überrascht, ist, wie die Menschen in ihrem Alltag auf sie reagieren; einige sprechen sehr langsam oder schreien oder schreiben sogar auf einen Zettel zurück, als wäre die Person gehörlos, obwohl sie in Wirklichkeit perfekt hören können und nur die Mechanik des Klangs sich geändert hat.

Eine Laryngektomie mindert weder Intelligenz, Humor noch Präsenz – sie verändert lediglich die Art und Weise, wie die Stimme erzeugt wird.

Was Menschen am meisten brauchen, ist nicht Mitleid, sondern Verständnis und der Glaube, dass ihre Geschichte nicht mit der Operation endet. Sie entwickelt sich weiter.

Was war für dich als Dirigenten der erfüllendste Moment?

Als Dirigent erfüllen mich nicht nur die musikalischen Momente — es sind besonders die menschlichen. Es gibt einen Punkt in fast jeder Probe, wenn jemand einen Klang erzeugt, von dem er oder sie dachte, dass er ihn nie wieder erzeugen würde, und der ganze Raum erstrahlt. Aber die Momente, die mir am meisten im Gedächtnis bleiben, sind, wenn unsere Mitglieder auf eine Bühne treten — stolz durch den Künstler-Eingang des Opernhauses gehen, Selfies neben ihren eigenen Portraits machen und mit Stolz ihre Stimme erklingen lassen, die sie neu aufgebaut haben. Ich habe Menschen gesehen, die am Ende eines Konzerts so überwältigt von der Welle positiver Energie waren, dass sie zitterten, nicht in der Lage waren, Freudentränen zurückzuhalten, und wir mussten sie sanft von der Bühne geleiten. Mit weltweit führenden Künstlern zusammenzuarbeiten, die so viel Respekt und Bewunderung für unseren Chor zeigen — uns sagen: „Macht weiter, macht das, was ihr macht, es ist unglaublich” — war für alle wirklich die bestärkendste Erfahrung. Meine Rolle ist es, Menschen zusammenzubringen, sie zusammenzuhalten und Spaß zusammen zu haben. Die Transformation zu erleben, die Musik möglich macht… das ist die tiefste Belohnung dieser Arbeit.

Was sind deine Hoffnungen für das nächste Jahrzehnt von „Shout at Cancer“?

Ich hoffe, dass „Shout at Cancer“ weiterhin als Ort wächst, an dem Menschen Selbstbewusstsein, Identität und Verbindung wieder aufbauen können und, dass dieser Raum international erweitert wird. Wir sind bereit für größere Projekte, größere Partner, größere Bühnen und eine größere Geschichte. Wir werden die Herausforderung annehmen, Kunst, Rehabilitation, Forschung und Technologie auf neue Weise zu verbinden, die neue Möglichkeiten für Menschen eröffnet, die ihre Stimme verloren haben. Ich möchte, dass wir neue Zusammenarbeiten weltweit eingehen und sicherstellen, dass jeder, der diesen Weg geht, weiß, dass er nicht allein ist. Letztendlich hoffe ich, dass wir dieses Licht der Hoffnung immer höher und höher heben — die Stille in Möglichkeiten verwandeln und dieses Licht der Inspiration so weit tragen, wie es nur geht.

Gibt es kommende Projekte, auf die du dich freust?

Ja, viele [lacht] — aber eines, das sich ganz besonders anfühlt, ist unsere „Louder Than Before“ Jubiläumsaufführung im King’s Place. Es kombiniert Musik, Wissenschaft, Geschichten von Überlebenden und die Premiere unseres 3D-gedruckten Stimmorganes. Wir erweitern auch Projekte mit den Überlebensbäumen von Hiroshima und Nagasaki, immersiven Technologien und interkulturellen Kooperationen.

Alle Projekte basieren auf derselben Idee: Heilung durch Verbindung, Kreativität und geteilte Menschlichkeit.

Wie können Gesundheitsfachkräfte und Unternehmen wie Atos Medical Menschen über die klinische Umgebung hinaus besser unterstützen?

Die kraftvollste Unterstützung für Menschen nach einer Laryngektomie geht weit über Medizinprodukte und Medikamente hinaus. Patienten benötigen emotionale Sicherheit, Gemeinschaft und Möglichkeiten, ihre Identität wiederzuentdecken. Unternehmen wie Atos spielen dabei eine entscheidende Rolle — nicht nur indem sie hochwertige klinische Produkte bereitstellen, sondern auch indem sie das Ökosystem rund um den Patienten unterstützen: gemeinnützige Projekte, Workshops, Peer-Netzwerke, künstlerische Räume und Organisationen, die helfen, Selbstbewusstsein und Verbindung wieder aufzubauen. Wenn Industriepartner in Menschen als vollständige menschliche Wesen investieren, nicht nur als klinische Fälle, hat das transformative Auswirkungen. Atos hat von Anfang an Unterstützung gezeigt, ihre Verantwortung verstanden und die Möglichkeit angenommen, Räder in Bewegung zu setzen, sie am Laufen zu halten und in die Gemeinschaft zu investieren, der sie dienen. Gemeinsam können wir sicherstellen, dass niemand diesen Weg allein geht.

Die in diesem Inhalt geäußerten Ansichten gehören ausschließlich dem Inhaltsersteller und nicht Atos Medical, seinen Tochtergesellschaften oder Mitarbeitern.

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